Studienreform

Langweilige Vorlesung? Das muss nicht sein! Wir setzen uns unter anderem für eine qualitative Studienreform und bessere Lehre ein!

Für ein gutes Studium bedarf es zweifellos einer Vielzahl von geeigneten Rahmenbedingungen. Angefangen von der bedarfsgerechten Studienfinanzierung mit Hilfe des BAföG bis hin zu einer angemessenen studentischen Mitbestimmung in den Hochschulgremien gibt es hier noch viel Handlungsbedarf. Doch auch die besten Rahmenbedingungen helfen nichts, wenn das Studium selbst nicht die gewünschte Qualität aufweist. Dabei sind die Anforderungen an ein qualitativ hochwertiges Studium sehr vielfältig. Die Juso-Hochschulgruppe Kassel & Witzenhausen ist sich dieser Herausforderung bewusst und setzt sich für eine Studienreform ein.

Bachelor/Master-System dringend reformbedürftig!

Mit der Bologna-Reform wurde die Hochschullandschaft gewaltig verändert. Die alten Diplom/Magister-Studiengänge mussten dem neuen Bachelor/Master-System weichen. Ziel dieser Umstellung war es die Studienabschlüsse europaweit vergleichbar zu machen und den Studierenden eine höhere internationale Mobilität zu ermöglich. Doch dieses grundsätzlich zu begrüßende Vorhaben hat zu großen Verwerfungen geführt. Mit dem BA/MA-Abschlüssen hat die Verschulung der Studiengänge, also die starre Vorgabe der Studieninhalte, enorm zugenommen. Gleichzeitig nahm der Leistungsdruck für die Studierenden immer weiter zu.

Was also tun? Könnte eine Rückkehr zum alten Studiensystem Abhilfe schaffen? Wohl kaum! Nach unserer Überzeugung würde dies in der Regel lediglich zu einer Änderung des Abschlusstitels führen. Denn auch schon zu Zeiten des Diploms war eine immer weiter zunehmende Verschulung festzustellen. Ebenso ist eine Verminderung des Leistungsdrucks durch die Rücknahme der Bologna-Reform nicht zu erwarten. Schließlich resultiert Druck nicht primär aus einer Studienstruktur. Vielmehr entsteht der Leistungsdruck aufgrund einer zunehmenden Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche – also auch der Bildung. Auch Diplom-Abschlüsse würden daran nichts ändern. Um wirklich Verbesserungen zu erreichen muss das gesamte Studium reformiert werden – unabhängig davon welchen akademischen Abschluss man am Ende eines Studiums erlangt.

Dazu müsste zunächst die Regelstudienzeit wieder zu dem gemacht werden, was sie ursprünglich sein sollte- ein Recht (!) auf einen Abschluss innerhalb dieser Zeit. Heute gilt die Regelstudienzeit hingegen als Gradmesser für die Leistungsbereitschaft eines Studierenden. Wer es nicht schafft, sein Studium innerhalb der Regelstudienzeit abzuschließen, gilt schlicht als faul oder dumm. Dabei sind die Gründe für eine längere Studienzeit sehr vielfältig. Kindererziehung, Krankheit oder längere Phasen der Berufstätigkeit, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, sind nur einige dieser Gründe. Darüber hinaus möchten sich einige Studierende mit einem bestimmten Sachverhalt näher auseinandersetzen, ohne dass dies in den Prüfungsordnungen vorgeschrieben ist. Um eine veränderte Sicht auf die Regelstudienzeit zu erreichen muss beispielsweise der BAföG-Anspruch von einer strikten Semestervorgabe entkoppelt werden. Ein gutes Studiensystem lässt individuelle Studienverläufe zu!

Weiterhin müssen die Hochschulen endlich flexibler in der Anerkennung von Studienleistungen werden. Es kann nicht sein, dass eine an einer anderen Hochschule erbrachten Leistung nicht anerkannt wird, nur weil sie der an der eigenen Hochschule angebotenen Veranstaltung nicht eins zu eins entspricht. Diese momentan noch weit verbreitete Handhabung führt dazu, dass nicht mal eine ausreichende Mobilität zwischen den deutschen Hochschulen gewährleistet ist – von internationaler Mobilität ganz zu schweigen. Eine Flexibilisierung der Prüfungsordnungen ist auch notwendig, um die Verschulung der Studiengänge zu überwinden. Solange weiterhin ein Großteil der Studieninhalte streng von den Hochschulen vorgegeben wird, wird es nicht zu dem von uns angestrebten selbstbestimmten Lernen kommen.

Darüber hinaus muss dafür gesorgt werden, dass alle Menschen einen gleichberechtigten Zugang zur Hochschulbildung erhalten. Unabhängig davon welche (sozialen) Voraussetzungen, Interessen und Fähigkeiten sie haben. Diese Forderung schließt auch die stärkere Etablierung von berufsbegleitenden Studienangebote und berufsunabhängiger wissenschaftlicher Weiterbildung mit ein. „Lebenslanges Lernen“ darf keine hohle Phrase bleiben! Ferner bereichert ein heterogenes wissenschaftliches Umfeld das eigene Studium ungemein.

Für eine qualitative Studienreform

Bei der ganzen Debatte um eine Studienstrukturreform (BA/MA-System) darf auch die Diskussion um eine qualitative Studienreform nicht zu kurz kommen. Schließlich sind es in erster Linie die Inhalte, die ein Hochschulstudium ausmachen. Dabei ist uns eine enge Anbindung der Wissenschaft an die gesellschaftlichen Problemlagen wichtig. Die Mitglieder einer Hochschule müssen sich als aktiver Teil der Gesellschaft begreifen und sich dort wissenschaftlich aber auch politisch einmischen. Damit dies auch möglich ist es ohne jeden Zweifel notwendig die theoretischen Grundlagen kennen zu lernen. Doch dabei darf es nicht bleiben! Die wissenschaftlichen Inhalte müssen auf konkrete Fälle angewendet werden. Es gilt die noch immer weitverbreitete Auffassung von einer Wissenschaft im Elfenbeinturm aufzubrechen. Die transdisziplinäre Ausrichtung der Studiengänge, also die Zusammenarbeit mit Institutionen und Persönlichkeiten außerhalb der Hochschulen, nimmt hier eine wichtige Stellung ein.

Weiterhin muss immer auch eine kritische Reflexion der gelehrten Inhalte stattfinden. Was hilft es zum Beispiel Fragen nach der Notwendig von Staatseingriffen in den Markt zu diskutieren, wenn in der zugrundliegenden Theorie grundsätzlich angenommen wird, dass der Markt perfekt arbeitet? Oder wieso werden bestimmte Sachverhalte nur unter einem bestimmten Teilbereich der Wissenschaften untersucht? Die Realität – und auf die kommt es an – ist nahezu immer deutlich komplexer. Eine ganzheitliche wissenschaftliche Betrachtung ist daher immer erstrebenswert. Dieses Ziel macht Interdisziplinarität (fachbereichsübergreifendes Studium) nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

Davon abgesehen muss sich auch etwas an der „Klausurfixierung“ einiger Studiengänge tun. Das Schreiben von vielen Klausuren innerhalb weniger Wochen ist nicht nur mit großem Druck verbunden, sondern sorgt zusätzlich dafür, dass die zu vermittelnden Inhalte nicht lange im Gedächtnis bleiben. Vielmehr stellt eine Hochschule die Symbiose aus Forschung und Lehre da. Das Erfahren die meisten Studierenden in ihrem Studium bisher leider nicht. Wir treten daher für vermehrtes Lernen in Projekten ein. Das Projektstudium fordert vielfältige Kompetenzen wie die Selbstständigkeit und stellt einen klareren Praxisbezug her. Die enorme Prüfungslast, wie sie in den meisten Studiengängen vorherrschend ist, muss deutlich verringert werden.

Gute Lehre ist möglich!

Wir alle kennen das: Vorlesungen die einem wie Zeitverschwendung vorkommen, langweilige Seminare und Studienleistung zur reinen Selbstbeschäftigung. Das muss nicht sein! Die Lehre an der Hochschule kann besser sein, das ist unser Ziel!

Dazu müssen DozentInnen zunächst mehr Hilfe und Unterstützung für die Gestaltung ihrer Lehre bekommen. Sie müssen didaktisch weitergebildet werden. Auch die materielle Ausstattung der Hochschule muss alternative und vielfältige Methoden in Seminaren und Vorlesungen ermöglichen. Aus diesem Grund setzen wir uns gemeinsam mit den anderen Juso-Hochschulgruppen für einen bundesweiten „Qualitätspakt für gute Lehre“ in Höhe von 6 Milliarden Euro pro Jahr ein.

Weiterhin wird ein Großteil der Lehre durch die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen abgedeckt. Deren Arbeit erfolgt meist unter prekären Bedingungen. Viele Angestellte haben nur halbe Stellen und Zeitverträge mit sehr kurzer Laufzeit. Gleichzeitig sollen sie sich mit ihrer Stelle weiter qualifizieren. Doch dafür haben die meisten kaum Zeit, da sie viele Seminare geben müssen. Wir wollen zusammen mit den Gewerkschaften die Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus verbessern. Denn Dozierende, die nicht unter Stress und Zukunftsängsten leiden, können sich auch besser auf gute Lehre konzentrieren.

Und noch keine Kritikpunkt: Zwar werden die meisten Veranstaltungen von uns Studierenden evaluiert. Doch was passiert mit den Ergebnissen? Wir wollen, dass die Ergebnisse veröffentlicht werden! Nur durch die Veröffentlichung werden einige Dozierende anfangen aus den Ergebnissen zu lernen und ihre Veranstaltungen verbessern. Evaluationen sind nur sinnvoll, wenn deren Ergebnisse veröffentlicht und diskutiert werden.

Abschließend bleibt festzustellen, dass es auf dem Weg zu einem idealen Studium noch viel zu tun gibt. Wir, die Juso-Hochschulgruppe, haben bereits viele Ansatzpunkte zur Verbesserung der Lehre und des Studiums insgesamt formuliert. Doch damit ist es noch nicht getan! Es gilt diese Ziele in die Tat umzusetzen! Gleichzeitig entstehen ständig neue Probleme, die gelöst werden müssen. Wenn auch du dich für ein besseres Studium einsetzen möchtest, schaue mal in unserer „Mitmachen“-Rubrik vorbei!